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> Belletristik > »Nix wie weg ...«
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe »Nix wie weg ...«, Katharina Bachman
Katharina Bachman

»Nix wie weg ...«


von Fernweh und Wehen in der Ferne

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Es war Silvester 2001. Die Nacht hatte ich mit Hündin Lissy in einem Hotel verbracht. Das Schiff, auf dem sich mittlerweile mein gesamter Hausstand befand, ordentlich in Kartons verpackt, war schon auf dem Weg nach Malaysia. Genauer gesagt, nach Kuala Lumpur mit Zielhafen Port Klang. Ein netter Herr von der Umzugsfirma hatte zu mir gesagt: »Es dauert etwa sechs Wochen, bis der Container sein Ziel erreicht hat. Vorausgesetzt, es geht nichts schief.«


Wie, schief?


Manchmal fallen Container einfach vom Schiff oder das Schiff geht unter. Und dann liegt alles auf dem Meeresboden. Für immer!


Na toll! – Alles?


»Ja!«


Mein Flug ging am 1. Januar 2002, morgens um halb sieben. Den Jahreswechsel wollte ich am Brandenburger Tor verbringen. Danach zurück ins Hotel, mich umziehen für den Flug in wärmere Gefilde und dann ab zum Flughafen. Um vier Uhr früh würden folglich die letzten meiner Stunden, die ich bis dahin als disziplinierte deutsche Steuerzahlerin auf deutschem Boden verbracht hatte, enden. Der Gedanke – keine Steuern mehr zahlen zu müssen – entlockte mir in diesen letzten eher schwermütigen Stunden hin und wieder ein kurzes, flüchtiges Lächeln. Ansonsten überwog ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend.


Die Heimat verlassen!


Obwohl mich eigentlich nichts mehr hielt. Zumal meine Probleme immer größer zu werden schienen, weil der pedantische Nachbar gegen mich klagte, die Polizei meinen Führerschein einkassiert hatte, ich meinen Job los geworden war; Toaster, Eierkocher, Spülmaschine und Trockner gleichzeitig ihren elektrischen Geist aufgegeben hatten. Das Wetter meistens schlecht war, die Mieten ständig stiegen und die Lebenshaltungskosten auch. Überdies meine Garderobe zwei Nummern zu klein geworden war und der Billigfriseur um die Ecke aus meiner Frisur auch noch ein Desaster fabriziert hatte. Ganz zu schweigen von den politischen und wirtschaftlichen Kapriolen, die einem das Gefühl gaben, man befände sich auf einer Achterbahn. Der Preis dafür war die schlechte Stimmung im Land, die hinter jeder Ecke lauerte und sekündlich zuschlagen konnte.


Den allerletzten Rest hatte mir vor zwei Monaten mein Vermieter gegeben. Er hatte mir nämlich gekündigt. Kurzum, mein Leben war gerade dabei sich in einen Müllhaufen zu verwandeln. Also, weshalb sollte ich traurig sein? Ich freute mich diebisch auf das Auswandern, auf den Neuanfang in einem fernen Land, auf eine fremde exotische Kultur, in die ich eintauchen beziehungsweise abtauchen konnte.


Die wirklich emotional nagende Frage war: Wann werde ich die Familie wiedersehen? Die Eltern? Die Freunde? Das einzige Kind? Sie kam am späten Nachmittag in mein Hotel, meine Tochter. Um sich zu verabschieden. Am Abend war sie mit Freunden zu einer Silvesterparty eingeladen. Wir saßen uns im Hotelzimmer gegenüber und bemühten uns, so normal wie möglich zu sein. Tief in unseren Herzen hatte sich eine zyklopische Traurigkeit breit gemacht. Aber keiner wollte darüber sprechen. Mit aller Kraft versuchten wir unsere Tränen zu unterdrücken. Mein Brustkorb fühlte sich an, als wäre er mit Stacheldraht zugeschnürt und in meiner Kehle hatte sich ein gigantischer Kloß breit gemacht. Nachdem wir uns endgültig Lebewohl gesagt hatten und die Hoteltür hinter ihr ins Schloss gefallen war, habe ich mich auf den kuschelweichen Hotelteppich geworfen und lauthals geweint.


 


Das Silvesterfeuerwerk am Brandenburger Tor war ein Kracher. Ich stellte mich inmitten von tausend und abertausend Menschen und betrachtete entrückt das bunt glitzernde Treiben am nachtschwarzen Himmel. Es kam mir so vor, als wollte sich meine Heimat noch einmal auf ganz besondere Weise von mir verabschieden. So a la: Behalte mich trotz allem in guter Erinnerung. Als die letzten funkelnden Fontänen erloschen waren, sagte ich leise: »Bye-bye, Berlin. Bye-bye, good old Germany.«


 


Gegen sechs Uhr früh am 1.1.2002, Berlin lag noch in tiefem Schlummer und irgendwo da draußen feierten sicher noch immer ein paar Hartgesottene den Jahreswechsel, bestieg ich nervös und aufgewühlt, aber voller Erwartungen (mit einem One-Way-Ticket in der Hand), einen Düsenjet der »Austrian Airlines«, der mich über Wien Richtung Kuala Lumpur International Airport bringen sollte. Dort wurde ich sehnsüchtig von meinem Mann erwartet, der schon seit eineinhalb Jahren in Malaysia lebte. Seitdem führten wir eine Ferien-Ehe. Entweder war er in seinem Urlaub für zwei Wochen nach Deutschland geflogen oder ich für vier Wochen nach Malaysia gereist. Zuerst war sein Auslandsaufenthalt nur für drei Monate geplant gewesen. Er war als Projektleiter für die Digitalisierung der Malaysischen TV- und Radiostationen engagiert worden. Aus den drei Monaten wurden sechs, dann acht und danach machte man ihm ein Angebot, das er einfach nicht ablehnen konnte: Ein unbefristeter Arbeitsvertrag, inklusive Übernahme aller Kosten für eine Umsiedlung von Deutschland nach Malaysia, samt Hund und Ehefrau.


Punkt 6.43 Uhr setzte sich das Flugzeug in Bewegung und rollte Richtung Startbahn. Zappelig saß ich in meinem Sitz. Kurz darauf heulten die Motoren furienhaft auf. Nie zuvor war mir das Geräusch so laut und intensiv vorgekommen wie an diesem Morgen. Mit voller Schubkraft hob die Maschine vom Boden ab und verschwand Minuten später in den Wolken. Als wir schon fast eine Stunde in der Luft waren, legte sich meine Nervosität. Ich spürte sogar etwas Stolz in mir aufsteigen. Langsam erhob ich mich von meinem Sitz und ging durch die Reihen.


Ob die Leute hier drinnen alle wissen, dass ich soeben ausgewandert bin? Pah! Das steht doch bestimmt auf meiner Stirn geschrieben?! Hallo?! Ich bin eine Auswandererin!


Hündin Lissy war mit an Bord. Sie schlummerte friedlich in einer speziellen Transporttasche, die unter dem Sitz meines Vordermanns stand. Hunde mit einem Gewicht unter fünf Kilo dürfen das. Der Tierarzt hatte mir ein Schlafmittel mit dazugehörigen Instruktionen gegeben. Kurz vor dem Start sollte ich ihr das Medikament verabreichen und auf der Hälfte der Strecke, also nach etwa sieben Stunden, eine zweite Dosis verpassen.


Unser Lottchen, so nannten wir sie manchmal, war der Inbegriff eines echten Familienmitgliedes und eine richtige Persönlichkeit. Wenn uns Freunde eine Postkarte aus dem Urlaub schickten, war auch immer ein Gruß für Lissy mit dabei. Gaben wir ein Abendessen, kam niemand ohne ein Leckerli für Lissy.


Dieser kleine Hund war schon mit uns über den halben Globus gereist, sogar bis nach Las Vegas, zum Hoover-Damm. Auf der Mauer zum Eingang des Dammes steht ein großes Schild mit der Aufschrift: NO PET ON DAM ALLOWED! Genau vor dieses Schild, direkt auf die Mauer, stellten wir Lissy. In null Komma nix bauten sich drei Asiaten hinter uns auf und fragten: »Foto? Foto? Foto?« Seither ist sie höchstwahrscheinlich auch in Japan oder China berühmt.


Nun sollte Lottchen in ihrem hohen Alter, sie war jetzt 13 Jahre alt, noch einmal eine neue Heimat bekommen. Das Einreisen von Tieren ist in Malaysia zwar erlaubt, aber es bedarf einer Flut von Dokumenten und Papieren, sowie Impfungen und Bestimmungen. Die Quarantänezeit beträgt ein bis drei Wochen – je nach Stimmung des gerade diensthabenden Veterinärs. Auf alle Fälle war ich unter gar keinen Umständen bereit, mein Lottchen in eine 80 Kilometer entfernt liegende Quarantänestation in Kuala Lumpur, nahe F1 Circuit, zu verfrachten. Auch nicht für ein paar Tage. Nicht mal für einen einzigen Tag. Ich war mir ziemlich sicher, den diensthabenden Veterinär mit einem anständigen Trinkgeld von Folgendem überzeugen zu können: Lissy kommt direkt und stehenden Fußes beziehungsweise stehender Pfoten mit mir in unser neues Zuhause. Punkt. Aus. Basta.


Allerdings gab es auch noch eine andere Möglichkeit. Ich würde damit zwar einen kriminellen Weg einschlagen, aber sollte ich auffliegen, würde ich selbstverständlich die Naive spielen. Mir würde schon irgendetwas einfallen. Die andere Möglichkeit sah nämlich so aus: Lissy ganz einfach ins Land schmuggeln.


Ich hatte mich für die andere Möglichkeit entschieden und so verspürte ich schon eine Stunde vor Ankunft am International Airport in Kuala Lumpur eine gewisse, um nicht zu sagen gewaltige, Nervosität in mir empor klettern. Ich betete zu all meinen Schutzengeln, Lissy zu einem Stofftier werden zu lassen. Natürlich nur für die Zeit, bis ich endlich wieder das Flughafengebäude würde verlassen können.


Die Maschine setzte zur Landung an. Aus dem Fenster sah ich schon das Terminal. Lissys Körperchen hatte inzwischen die zweite Dosis Schlafmittel vollständig verwertet. Dementsprechend zappelte sie ungeduldig in der Hundetasche. Es war nur noch eine Frage von Minuten, bis sie anfangen würde zu winseln.


Oh, mein Gott! Bitte, steh mir bei!


Der Pilot setzte die Maschine sanft auf die Landebahn auf. Das quietschende Geräusch der Reifen war zu hören. Die Motoren heulten auf und ich war einem Nervenzusammenbruch nahe. Mein Herzklopfen erschien mir so laut, als würde man über riesige Lautsprecher mit den Pochgeräuschen das Innere der Maschine beschallen. Der Pilot schaltete den Umkehrschub ein und trat kräftig auf die Bremsen. Langsam rollte das Flugzeug zum Haltepunkt. Wenige Minuten später kamen wir zum Stehen.


Wie aus Minuten Stunden werden können, das empfindet jemand, der einen kleinen Hund in ein fremdes Land einschmuggeln will, äußerst ausgeprägt. Ich würde jedenfalls in etwa 20 Minuten wissen, ob ich ins Gefängnis wandern und für eine gewisse Zeit gesiebte Luft einatmen würde oder als neues Mitglied der Malaysischen Gesellschaft tropische Luft schnuppern könnte und als freier Mensch den Boden meiner neuen Heimat betreten dürfte. Meine Anspannung war so groß, dass mir das mittlerweile völlig egal war. Hauptsache, Lissy durfte mit in den Knast.


Halb benommen vor Nervosität steuerte ich auf die Immigration zu. Mein Mund war so trocken wie ein versiegtes Flussbett. Hoffentlich bekomme ich keinen Ohnmachtsanfall. Passkontrolle! Ich trug die Hundetasche mit dem Schmuggelobjekt in der linken Hand, wie ein ganz gewöhnliches Bordgepäck. Damit Lottchen auch ja nicht auf die Idee kommen könnte, ein einziges Tönchen von sich zu geben, wippte ich die Tasche immer auf und ab, während ich brav die Fragen des Beamten beantwortete. Keine einfache Sache, wenn die Zunge am Gaumen fest klebt.


Das the entfaltete sich folglich auch mehr zu einer Art Schnappatmung. Ich gebe zu, dass dies auf den Beamten einen eigenartigen Eindruck gemacht haben musste.


Eine wippende Blondine mit Schnappatmung kommt schließlich nicht jeden Tag in Kuala Lumpur an. Vermutlich hat er gedacht: »Die Lady muss dringend aufs Klo.«


Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb alles so schnell ging. In Malaysia geht nämlich nichts schnell. Gar nichts. Ruckzuck bekam ich einen Stempel in meinen Pass und konnte gehen. Jetzt schnell die Koffer holen und dann stand mir noch die Zollkontrolle bevor.


Eindringlich schickte ich ein flehendes Gebet zu meinem Schutzengel.


Kann sich die Zollkontrolle nicht einfach in Luft auflösen?


Es war früh, 4.45 Uhr Ortszeit. Da ist in der Regel auf dem Flughafen in Kuala Lumpur nicht viel los. Und genau DAS machte mir besonders viel Angst. Von weitem sah ich sie schon: die Zollkontrolle! Ein kleiner, dicker Mann in Uniform stand bereit und erwartete die Ankömmlinge.


Er wird sicher jeden Einzelnen checken, und das mit besonderer Akribie, um sich die Langeweile zu vertreiben. Meine Gedanken schlugen Kapriolen.


Wahrscheinlich reibt er sich schon die Hände und hofft auf einen ganz »dicken Fisch«. Zum Beispiel auf eine Deutsche, die einen Hund ins Land schmuggeln will. Da könnte er sich Lorbeeren verdienen. Bravo. Gut gemacht. Die Regierung würde ihm einen Orden verleihen. Er käme in die Zeitung und würde als Held gefeiert.


Alles ging so schnell, dass ich kaum zum Luftholen kam, geschweige denn zum In-Ohnmacht-Fallen. Ratz-fatz war ich durch die Zollkontrolle. Der überaus nette Beamte rief mir ein »Selamat Datang« zu, was Herzlich Willkommen bedeutet, winkte mich durch und ich zischte mit meinem Doggy-Bag an ihm vorbei. Hatte ich es tatsächlich geschafft???


Ja! Ich hatte! Es war vorbei. Ich war durch. Ohne Kontrolle.


So ganz traute ich dem Frieden jedoch nicht. Es war zu einfach gewesen.


Vielleicht warten sie ja draußen, in der Wartehalle, die Beamten von der Veterinärabteilung. Sozusagen als Empfangskomitee. Zwischen den Unterlagen zur Einfuhr des Hundes hatte nämlich ein rotes Bändchen gelegen, dass ich ihr umbinden sollte, vor Antritt des Fluges. »Ach wie niedlich«, dachte ich damals noch. »Eine sehr nette Geste«. Aber nun wurde mir klar, es war ein Erkennungszeichen! Genau. Rot. Knallrot, damit man sie auf gar keinen Fall übersehen könnte.


Zu früh gefreut! Was nun?


Ich erreichte die große Wartehalle. Mein Blick hetzte umher. Schnellen Schrittes schob ich den Kofferwagen vor mir her. Ich wurde immer schneller. Dann erblickte ich meinen Mann. Er hielt einen wunderschönen Strauß Blumen in der Hand. Sein suchender Blick erhaschte mich in Bruchteilen von Sekunden. Wir hatten uns seit vier Monaten nicht mehr gesehen. Glücklich und fröhlich winkte er mir zu und ich ... raste, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, blitzschnell an ihm vorbei.


Leider konnte ich nicht mehr sehen, wie komisch er wohl dreingeschaut haben mag. Aber es muss ziemlich bizarr gewesen sein.


Als ich draußen endlich zum Stehen kam, schlotterten meine Beine so heftig, als stünde ich auf einer Rüttelmaschine, die auf Höchststufe eingestellt war. »Was ist denn mit DIR los?«, hörte ich eine Hechelattacke später die Stimme meines Mannes hinter mir. Überglücklich drehte ich mich um, schlang meine Arme um ihn und sagte japsend: »Ich – habe – fertig.«


 


 


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